Germania

GermaniaDie Berliner Germania wurde 1986 gegründet und stellte im Februar 2019 nach ihrem Insolvenzantrag den Flugbetrieb ein. Ihre Basis war der Flughafen Berlin-Schönefeld. Bis zum Insolvenzantrag war sie die viertgrößte Fluglinie Deutschlands gewesen. Zuletzt war die Linie mit 34 Flugzeugen (Durchschnittsalter: 13 Jahre) in den Mittelmeerraum (Kanaren, Balearen), zu Zielen in ganz Europa und in den Nahen Osten geflogen. Sie hatte jährlich vier Millionen Passagiere befördert und rund 1.700 MitarbeiterInnen beschäftigt.

Gründung der Germania

Die Fluggesellschaft ging aus der 1978 gegründeten Kölner S.A.T. hervor, deren Geschäftszweck Spezialtransporte gewesen waren (S.A.T. für Special Air Transport). Die ersten Flugzeuge der Germania waren gebrauchte Fokker F-27 und Sud Aviation Caravelle. Kurz nach der Gründung übernahm Hinrich Bischoff das Unternehmen von den türkischen Eigentümern. Bischoff war Außenhandelskaufmann, Anwalt und zu diesem Zeitpunkt schon erfahrener Flugunternehmer. Im Jahr 1986 ließ er das Unternehmen als Germania Fluggesellschaft mbH registrieren, ab 1987 begann eine Kooperation mit der Lufthansa. Den Bestand an Flugzeugen stockte die Germania im gleichen Jahr mit 13 Boeing 737-300 auf, zudem übernahm sie Charterflüge als Ferienflieger für Condor, TUI und Neckermann. 1992 zog sie nach Berlin-Tegel um und konnte den Großauftrag als „Beamten-Shuttle“ für die Regierungsmitglieder akquirieren, die zu jener Zweit zwischen Berlin und Bonn pendelten.

Germania Flugzeug

Erfolgreiche 1990er Jahre

Ihren Bestand an Flugzeugen stockte die Germania nochmals 1995 auf, im 1998 stellte sie einen Weltrekord über 8.117 km in der Klasse bis 80 Tonnen auf. Sie war die erste deutsche Linie mit Werbung auf den Flugzeugen, bot ab 2001 innerdeutsche Linienflüge an und stieg ab 2003 unter einer neuen Marke Germania Express ins Billigfluggeschäft ein. Der Gründer Hinrich Bischoff starb 2005, von seinen Erben behielten nur die Ehefrau Ingrid und der Sohn Erik ihre Anteile.

Entwicklung der Germania in den 2000er Jahren

In den frühen 2000er Jahren war Germania eine Wet-Lease-Gesellschaft für dba (Vorläufer von Air Berlin) und Hapag-Lloyd Express, verkaufte ältere Fokker-Flugzeuge und wäre schon 2008 fast von Air Berlin übernommen worden, allerdings unterbanden das die Familienmitglieder Bischoff als größte Anteilseigner. Ab 2008 startete die Gesellschaft wieder eigene Linienflüge, ab 2010 wurde sie wieder Ferienfluggesellschaft für TUI. Mit der Flottenerweiterung durch acht A319-100 ab 2011 strebte die Germania eine neue Expansion an. Sie gründete ebenfalls 2011 als 100%ige Tochter die Germania Technik Brandenburg und baute noch im selben Jahr einen Wartungshangar auf dem Flughafengelände Berlin-Brandenburg, den sie mit Air Berlin gemeinsam nutzte.

Immer noch im Jahr 2011 kaufte Germania die kleine Fluggesellschaft Flynext mit nur zwei Airbus A319-100, ab 2012 hieß diese Tochter Germania Express. Ab 2011 waren Germania-Flugzeuge Werksflieger für Airbus zwischen Toulouse-Blagnac und Hamburg-Finkenwerder, gleichzeitig steuerte sie an Wochenenden mit den dafür eingesetzten Flugzeugen von Bremen aus Ferienziele an. Die Flotte wurde 2012 nochmals modernisiert. In diesem Jahr gründete Germania außerdem eine Fluggesellschaft im westafrikanischen Staat Gambia, die innerafrikanische Ziele sowie Barcelona und London-Gatwick anflog. Dieses Unternehmen wurde allerdings mangels Erfolg 2014 wieder eingestellt, der Rückschlag belastete in den folgenden Jahren stark die Germania-Bilanz. Die Leasingpartnerschaft mit Air Berlin beendete Germania im Herbst 2013.

Zur Flotte kamen zwei Airbus A321-200 hinzu, diese flogen exklusiv für den Reiseveranstalter Alltours, was man auch äußerlich an den Flugzeugen durch die Übernahme des Alltours Corporate Designs sichtbar machte. 2014 gründete Germania die Schweizer Tochter HolidayJet und kooperierte dabei mit dem Schweizer Reisekonzern Hotelplan. Die Basis von HolidayJet war der Zürcher Flughafen. Hotelplan kündigte allerdings die Partnerschaft schon im Sommer 2015, HolidayJet firmierte fortan als Germania Flug.

Neuer Geschäftsführer und Mehrheitseigner Balke ab 2014

Die Witwe von Hinrich Bischoff ernannte als Mehrheitseignerin 2012 den Anwalt Karsten Balke – langjähriger Vertrauter ihres Mannes – zum Generalbevollmächtigten der Fluggesellschaft und entließ die bisherigen Geschäftsführer Wobig und Pawel. Schon nach dem Tod von Bischoff hatte Balke ab 2005 mitgewirkt, die gambische Fluglinie war seine Idee gewesen. Er galt als sehr eng verbunden mit Ingrid Bischoff, wurde 2015 über eine Beteiligungsgesellschaft ein Eigner der Germania und übernahm kurz darauf die Mehrheit. Ingrid Bischoff hatte sich zuvor mit ihrem Sohn Erik überworfen. Balke bestellte wiederum neue Flugzeuge vom Typ Airbus 25 A320neo und gründete 2017 eine bulgarische Tochtergesellschaft. Als Air Berlin 2017 Insolvenz anmelden musste, stieß die Germania in die entstandene Lücke und baute ihr Streckennetz kräftig aus. Balke bestellte weitere Flugzeuge und plante sogar, am Flughafen Berlin-Brandenburg auf 16.400 m² einen neuen Hauptsitz für seine Airline bauen zu lassen. Möglicherweise hatte er sich verhoben, denn es entstanden schon ab 2018 gravierende Liquiditätsengpässe, die Balke in öffentlichen Statements bagatellisierte.

Insolvenz 2019

Anfang Januar 2019 kommunizierte Balke einen „kurzfristigen Liquiditätsbedarf“, in Wahrheit bestand eine erhebliche Schieflage. Schon im Januar konnte die Germania die Gehälter ihrer MitarbeiterInnen nicht mehr pünktlich zahlen, am 4. Februar meldete sie Insolvenz an. Gegen Balke wurde staatsanwaltlich ermittelt, er soll Gelder veruntreut haben. Der Vorwurf lautete auf Betrug und Insolvenzverschleppung. Sämtliche Beteiligungsgesellschaften bis auf Germania Flug meldeten bis März Insolvenz an, die Schweizer Gesellschaft übernahm die Schweizer Flugunternehmerin (Air Prishtina) Leyla Ibrahimi-Salahi.

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